die Ruhe selbst? | Mahlzeit | immer weiter

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Es zieht mich durch die schöne Landschaft, die mir wohlwollend den Weg säumt. Ungehemmt. Es ist um 8:42 wieder Zeit für ein Päuschen. Dominique hat somit Gelegenheit, mich zu überholen. Es gibt heute so viele Seen und Tümpel, weiche Erde unter meinen Füßen, die jeden Schritt ein wenig federt. Ich habe es schon vor dem ersten Pilgerschritt gewusst: Ein Kreis wird geschlossen und ein neuer wird beginnen. Ich musste den bestimmten Weg nur noch gehen. Und heute gehe ich ein wenig weinen üben. Wann immer ich Dominique streife, ist mein Bein friedlich, und die Schmerzen sind wie fortgeblasen. Er ist ein Guter. Ich habe nun schon mehr als die Hälfte meiner Reise geschafft.
Die Kürze der Etappe führt natürlich wieder dazu, dass ich als erste in der Unterkunft bin und auch lange allein bleibe. Diese Etappe hat mir gut getan. Ich dusche in Ruhe, wasche meine Wäsche und lege mich auf die Wiese. Dann mache ich mir ein Brot mit Nutella (yes!) und eines mit Käse und stöbere in meinem Wanderführer. Die Hitze, die ich liebe, hüllt mich ein und nimmt mich unter ihre Fittiche. Mein Leben ist weit weg, ich bin nun schon lange unterwegs, die vielen Kilometer haben meinen Blick ein wenig abgewetzt und lassen alles, was zu Hause ist, in einer gewissen Unschärfe zurück.
Der Bauch ist still. Er hatte Zeit aufzunehmen und zu verdauen. Ich brauche die Ruhe und die Leere. Ich fühle mich erschöpft und kann deshalb die Funkstille nach Hause begrüßen. Ich gehe in den Carrefour um die Ecke. Nachdem ich schon die Stadt ein wenig erkundet, Obst genascht und die Kirche gesehen habe, besorge ich hier nun die Dinge fürs Abendessen: Zucchini, Kartoffeln, Bratwürste. Ich habe mich mit Konstanze und Olivier verabredet. Konstanze und ich, wir machen die Küche unsicher, in der wir uns mit anderen Mitpilgern um Geschirr und Besteck rangeln. Wir verputzen alles, restlos. Dann kommen noch Käse und Clafoutis und weg damit.
Ich bin etwas weinseelig und werde gleich erschöpft aufs Bett fallen. Hier treffe ich Isabelle, die mir die erste kleine Lektion in Quebec-Französisch gibt.


Jeder Tag ist ein neuer, eingewoben in den Rhythmus aller Tage, in aller Tage Eintönigkeit, in aller Tage Vielschichtigkeit. Es ist Vieles gleich und ähnlich. Die Momente weilen meistens länger als ich. Immer wieder springen meine Gedanken aus der Zeit, hüpfen mal hier hin mal da hin, kommen vom Weg ab und säumen die Schritte selten genug. Wo führt mich das hin? Was kann ich damit anfangen? Was halte ich in der Hand, nach über 1.200 Kilometern pilgern? Wie viel Schöpferisches nehme ich auf? Bin ich groß, genug? Fasse ich genug? Die Fragezeichen, die kleinen und die großen folgen mir. Sie sind nicht abzuschütteln, ihnen mache ich nichts vor. Ich verstehe immer noch nicht viel.
Ein Zauber liegt auf diesem Vorhaben. Simsalabim und dann? Kann ich mir auch noch was zaubern, wenn ich wieder zurück bin? Nein, gewiss nicht!
Wenn ich wieder Zuhause bin, werde ich es nicht aushalten, bis der Kreis geschlossen ist. Meine Ungeduld wird mir in den Magen fahren. Wann hört das Pilgern auf? Mit dem letzten Stempel, in der Kirche in Santiago?